Thema
Unter den deutschsprachigen Bürgern der ehemaligen Tschechoslowakei waren auch NS-Gegner. Sie traten gegen Henlein auf und waren in der Zeit, als 1938 die Tschechoslowakische Republik bedroht war, bereit, sie zu verteidigen, während der Okkupation durch die Nationalsozialisten beteiligten sie sich zu Hause und in der Emigration am Widerstand, viele von ihnen wurden vom NS-Regime inhaftiert oder hingerichtet. Größtenteils handelte es sich um Sozialdemokraten und Kommunisten, doch unter den deutschen NS-Gegnern sind auch nichtsozialistische und politisch nicht organisierte Hitler-Gegner zu finden, zum Beispiel katholische Geistliche. Diese Menschen erfuhren nach dem Krieg in der Regel nicht die verdiente Anerkennung, im Gegenteil, sie waren als Angehörige des „schuldig gewordenen“ deutschen Volkes dem Hass der tschechischen Bevölkerung und erneut der Verfolgung ausgesetzt.
Eine gerechte Beurteilung der Rolle der deutschen NS-Gegner war in der Tschechoslowakei der Nachkriegszeit aufgrund der damaligen Umstände undenkbar. Zur vorherrschenden antideutschen Stimmung nach dem Ende des Krieges kam nach 1948 das totalitäre kommunistische System. Wenn man von deutschen NS-Gegnern sprach, rechnete man diesen fast ausschließlich Kommunisten zu. Nach 1989 entstanden dann freiere Bedingungen für eine Debatte über die tschechoslowakischen Deutschen, die Geschichte der Deutschen in den böhmischen Ländern wurde allgemein zu einem der wichtigsten Themen der tschechischen Historiographie, die Frage deutscher NS-Gegner stand aber lange Zeit nur am Rande dieses Interesses.
Im August 2005 gab die Regierung der Tschechischen Republik eine Erklärung heraus, in der sie den deutschen NS-Gegnern in der Tschechoslowakei hohe Anerkennung zollte und sich bei ihnen entschuldigte. Bestandteil der Regierungserklärung war auch die Zurverfügungstellung finanzieller Mittel für das Projekt „Dokumentation der Schicksale aktiver NS-Gegner, die nach dem zweiten Weltkrieg von den in der Tschechoslowakei angewendeten Maßnahmen gegen die sog. feindliche Bevölkerung betroffen waren“. Hauptträger und Realisator des Projektes war das Institut für Zeitgeschichte der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik in enger Zusammenarbeit mit dem Museum der Stadt Ústí nad Labem (Aussig) und dem Nationalarchiv in Prag. Im Rahmen dieses Projekts fanden in Tschechien, in Deutschland und in weiteren Staaten Dutzende Interviews mit Zeitzeugen statt, bei denen Audio- und teilweise auch Videoaufzeichnungen angefertigt wurden. In tschechischen und ausländischen Archiven begann man mit umfangreichen Quellenstudien. Es entstand eine Datenbank deutscher NS-Gegner in der Tschechoslowakei. Aus Projektmitteln wurden viele Publikationen, mehrere Dokumentarfilme, wissenschaftliche Konferenzen, Vorträge für die Öffentlichkeit und weitere Veranstaltungen gefördert. Dabei wird darauf geachtet, dass das Thema der deutschen NS-Gegner in der Tschechoslowakischen Republik in geeigneter Weise der Schuljugend vorgestellt wird, was ein Schulprogramm gewährleisten soll.
Zu den wichtigsten Ergebnissen des Projektes gehören Ausstellungen. Zuerst entstand eine kleine Informationsausstellung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, vor allem die Öffentlichkeit im Ausland mit der Erklärung der Regierung der Tschechischen Republik vertraut zu machen und Zeitzeugen der Ereignisse anzusprechen. Im Herbst 2007 fand in Ústí nad Labem die Vernissage zu einer großen Wanderausstellung statt, die bereits Teilergebnisse des laufenden Projektes nutzen konnte. Den Höhepunkt der Ausstellungsaktivitäten bildet die ständige Ausstellung Vergessene Helden, die seit September 2008 in Ústí nad Labem zu sehen ist. Sie umfasst die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschungen und stellt diese der breiten Öffentlichkeit vor. Mit der Eröffnung dieser Dauerausstellung wurde das von der tschechischen Regierung initiierte Forschungsprojekt abgeschlossen, alle drei beteiligten Institutionen beschäftigen sich aber in weiteren Projekten mit dem Thema der deutschen NS-Gegner aus den böhmischen Ländern weiter.